11.12.2018

Übergeordnetes Kindesinteresse im Scheidungsverfahren: Lösungen im Interesse der Kinder - Gastbeitrag von Stephan Auerbach, SSI Schweiz

Immer wieder erheben sich in der Öffentlichkeit kritische Stimmen zum schweizerischen Scheidungsverfahren. Die Kritik («Massengeschäft», «stossend», «schlechthin inakzeptabel») ist mehr als berechtigt, mögliche Lösungen werden aber nur selten aufgezeigt. Anderswo existieren jedoch durchaus erprobte Alternativen, welche die Bedürfnisse des Kindes im Scheidungswesen ins Zentrum stellen. In Australien beispielsweise bilden Mediation und eine kindeszentrierte Lösungsfindung den Angelpunkt des Systems.

Auch Kanada, die USA und Deutschland haben teilweise ähnliche Modelle entwickelt, keines aber ist so erfolgreich wie das australische. Im Jahr 2006 wurde das australische Familienrecht stark revidiert. Ausgangspunkt waren zwei an sich banale Feststellungen: Erstens, Trennungskonflikte sind vor allem auf der Beziehungs- und nicht auf der Rechtsebene angesiedelt und also auch dort zu bearbeiten. Zweitens, hat der Staat gegenüber Kindern eine besondere Schutzpflicht. Deshalb entschied sich Australien zu einem Paradigmenwechsel: Der Fokus verschob sich weg von einem gerichtsbasierten und hin zu einem gemeinwesenbasierten, mediations- und kindeszentrierten Scheidungsrecht.

Landesweit wurden dafür 65 zentral gelegene, bürgernahe sogenannte «family relationship centers» eingerichtet, wo ausgebildete Mediatorinnen und Mediatoren mit Scheidungseltern bedürfnisgerechte Lösungen für ihre Kinder entwickeln. Diese «family relationship centers» sind privat betriebene Anlaufstellen, werden jedoch über staatliche Leistungsverträge finanziert. Nur wer den Weg über die Mediation zumindest ernsthaft versucht, erhält in Australien überhaupt Zugang zum Gericht. Mediation wurde dadurch zur neuen gesellschaftlichen Norm und der ersten Handlungsoption im Familienrecht. Sozialwissenschaftliche Langzeitstudien belegen die Resultate deutlich:

-        Kinder, deren Eltern in Mediationen eine Einigung erzielten, haben einen deutlich regelmässigeren Kontakt und eine verbesserte Beziehungsqualität mit ihrem Vater;

-       Das Gerichtswesen wurde massiv entlastet: In 10 Jahren wurden 20-30 % weniger Fälle an die Familiengerichte herangetragenen. Die Investition in die «family relationship centers» ist damit finanziell mehr als wettgemacht, da die Gerichte um ein Vielfaches höhere Kosten verursachen;

-       Die Zufriedenheit von Kindern, Müttern und Vätern mit in Mediationsverfahren erarbeiteten Lösungen ist im Vergleich zu den in Gerichtsverfahren festgelegten Lösungen deutlich höher, und die gefundenen Lösungen sind nachhaltiger.

Scheidungsmediation als Chance für Kinder und Familien in der Schweiz

Weshalb sollte sich die Schweiz nicht von dieser gelungenen Erfahrung inspirieren lassen, um ein kinderfreundlicheres Scheidungsrecht zu entwickeln? Immerhin sind über 11'000 Kinder bei den jährlich über 15'000 Scheidungen betroffen. Nicht mitgerechnet ist die Zahl Kinder von unverheirateten, sich trennenden Eltern. Kinder sind die Hauptleidtragenden unseres Scheidungsrechts. Die psychologischen und sozialen Folgekosten von langjährigen konfliktreichen Scheidungs- und Trennungsverfahren sind erfahrungsgemäss immens, jedoch schwer monetär erfassbar.

Kritiker des schweizerischen Scheidungsrechts, wie z.B. Ueli Vogel-Etienne, fordern deshalb zu Recht vereinfachte und weniger formelle Scheidungslösungen, da sich in Scheidungsverfahren nur selten komplizierte Rechtsfragen stellen. Beim Internationalen Sozialdienst Schweiz erhalten wir in der täglichen Fallarbeit und im weltweiten Austausch mit unseren Partnerorganisationen einen Einblick in innovativen Lösungen, welche anderswo entwickelt worden sind.

Aus unserer Sicht ist das australische Modell für die Schweiz von grossem Interesse. In unserem Land haben wir eine jahrhundertealte Tradition, gütliche Lösungen auf pragmatischen Wegen zu erarbeiten (z.B. Friedensrichter). Im Interesse der Kinder und betroffenen Eltern wäre ein solcher Paradigmenwechsel auch in der Schweiz überfällig – ganz abgesehen von den aus der UNO-Kinderrechtskonvention abgeleiteten Verpflichtungen.

Auf Kantons- und Bundesebene gibt es verschiedene Kollektive und Initiativen, welche Veränderungen in diese Richtung anstreben; z.B. das «Netzwerk Kinder» in Basel oder das im Frühjahr 2018 gegründete «Réseau Enfants Genève», bestehend aus BehördenvertreterInnen, AnwältInnen, KinderärztInnen und PsychiaterInnen, FamilientherapeutInnen, MediatorInnen und einem interdisziplinären wissenschaftlichen Beirat. Auch der im Auftrag des Bundesrats verfasste Bericht von Prof. Michelle Cottier zur alternierenden Obhut zielt in eine ähnliche Richtung.

Schliesslich reichte CVP Ständerat Konrad Graber am 12. Dezember die Interpellation "Kindswohl fördern durch mediatives Verfahren bei Familienstreitigkeiten" ein. Dies sind erfreuliche, vor allem aber kinderrechtlich notwendige Entwicklung.  

 

Stephan Auerbach arbeitet beim Internationalen Sozialdienst – Schweiz in Genf  und ist Mediator SDM. Er ist Mitbegründer und Koordinator des «Réseau Enfants Genève» und Vorstandsmitglied der Fédération Genevoise MédiationS. Der vorliegende Beitrag wurde in ähnlicher Form am 27.9.2018 in der NZZ unter dem Titel «Für einen Paradigmenwechsel im Scheidungsrecht» publiziert. InteressentInnen an einer Zusammenarbeit zum angesprochenen Thema können sich gerne beim Autor melden: s.auerbach[at]ssi-suisse.org.


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